Nachfolgend meinem leicht überspitzten Satire-Beitrag, den einige Menschen offenbar nicht richtig verstanden haben (s. Kommentare), hier nun zwei Kommentare (Antithesen) zum Internet-Manifest, die ich in der Indiskretion Ehrensache veröffentlicht habe und hier nochmals als Blog-Post aufliste. Ursprünglich wurden die Kommentare hier abgegeben.
Nichts für ungut…
…aber nach all dem Lob für das Internet-Manifest, das einige Damen und Herren des Webs vor ein paar Tagen zusammengeschustert haben, muss hier auch mal folgendes dazu gesagt werden:
1. Es ist kein Manifest. Das ist leider Fakt, daher bitte auch nicht so nennen. Sollte man eigentlich wissen, wenn man selber Journalist ist. Ergo: 15 Menschen, die geschlafen haben.
2. Alter Wein in neuen Schläuchen: Kennen wir alles, sollte mittlerweile jeder wissen, wenn nicht, Pech gehabt: ergo eine reine Zusammenfassung und Ansammlung von mehr oder weniger geteilten Meinungen zum Thema Journalismus und Internet. Ziel? Diskussion anstoßen oder doch nur Aufmerksamkeit erheischen und sich über Twitter-Post aus USA freuen? Fazit: Wo ist das Neue? Wo sind die neuen Ansätze? Was ist so revolutionär daran, dass Lob gerechtfertigt wäre?
3. Was mich persönlich stört: Anstatt eine Diskussion zu entfachen, bevor man diesen Text verfasst, setzen sich ein paar mehr oder weniger professionelle Autoren hin und schustern einen halbfertigen Text zusammen in der Hoffnung Gehör zu finden. Wo ist der Gemeinschafts-Gedanke, die Reflexion in der Community? Immerhin wird jetzt daran im Wiki rumgebastelt. Das hätte ich mir vorher gewünscht. Dann wären auch die offenen Fragen (Punkt 3), die diese Aktion hinterlässt, gar nicht erst aufgekommen.
4. Viele offene Fragen: Es wird auf der Seite weder ersichtlich, warum der Text geschrieben wurde, für wen, was die Ziele und Absichten sind, die damit verfolgt werden, wie und wodurch sind diese Punkte umzusetzen usw. usw.
5. Wo ist die Qualität?: Im Text geht es u.a. um „Qualitätsjournalismus“. Es wäre schön gewesen, wenn auch beim Verfassen des Textes die „Qualität“ im Vordergrund gestanden hätte. Dafür, dass an diesem Text Menschen mit einer Journalismus-Ausbildung mitgearbeitet haben, ist der Text ziemlich dürftig ausgefallen. Hier soll es ja nicht um eine Ansammlung von subjektiven Meinungen gehen, sondern darum, eine möglichst objektive, dem überwiegenden Konsens entsprechende Sichtweise auf das Verhältnis von Journalismus und Internet und die damit zusammenhängenden Fragen zu liefern. Solch ein Text würden in der Uni mit mangelhaft durchgehen, denn er ist: zu beschreibend, wissenschaftlich unfundiert, hat keine Quellen, ist teils normativ statt deskribtiv, ist undifferenziert, enthält keine bis wenig Argumente, subjektiv formuliert („verbessern“, statt „verändern“ – ), Grammatik und Semantik partiell falsch, es gibt keine Einleitung, durch welche man erahnen könnte, wozu das alles geschrieben wurde und mit welchem Ziel, der Text ist insgesamt zu wenig durchdacht und hat zu viele Lücken.
Gut, kann man ändern. Trotzdem.
6. moekje schrieb: „die 13 Herren und zwei(!) Damen finde ich erstens in ihrer soziographischen Zusammenstellung unpassend, um ein Manifest zu veröffentlichen. Und zweitens hat sich der eine oder andere schon lange zu sehr inhaltlich ins Aus geschossen, um ein ernstzunehmendes Manifest zu veröffentlichen.“ Kann ich so unterschreiben.
Und die Frage des Sommerlochs will ich gar nicht erst stellen…
Nachtrag 1:
Da von denjenigen, die voll des Lobes für dieses Manifest sind, immer wieder angeführt wird, man sei in irgendeiner Form neidisch auf jene Verfasser oder deren Manifest, möchte ich dazu folgendes klarstellen:
Punkt 1.
Wenn man Kritik äußert, hat das mit Verlaub nicht immer etwas mit Neid zu tun – auch wenn ich damit das Weltbild einiger Menschen zerstöre. Die Kritik, die geäußert wurde, ist berechtigt. Es muss erlaubt sein, Kritik zu äußern, ohne, dass gleich ein Sturm der Entbrüstung loszieht oder Menschen in ihrer Klischeemottenkiste wühlen. Es bleiben außerdem viele Fragen offen. Leider wird darauf von niemandem, der diesen Text so heftig verteidigt, irgendwo eingegangen. Warum nicht? Schade. Damit wird die Chance auf eine ernst gemeinte Auseinandersetzung mit diesem Thema vergeben. Ich dachte eigentlich darum sollte es allen gehen. Der Text hat immerhin gute Ansätze, aber es ist nicht mehr als eine Zusammenfassung von all dem, was schon lange vorher bekannt war. *gähn* Das ist also nichts Revolutionäres, sondern romantisches, thesenhaftiges „Geschwafel“ gespickt mit einigen Unwahrheiten. Gewiss, über Inhalt, Ansatz und Ziel kann man wie über alles streiten; aber ich sage trotzdem meine Meinung, auch wenn die nicht jeder teilen will/muss.
Im Übrigen: Echte Argumente FÜR diesen Text habe ich bislang noch keine gelesen. Stattdessen wird unaufhörlich das leere Stroh gedroschen, Floskeln werden nachgeplappert („das stand aber so im Manifest“) und andere kritisiert, dass sie keine Argumente hätten, um von sich selber abzulenken. Bisschen einfach oder?
Punkt 2.
Personen wurden nirgendwo beleidigt und das ist auch (grundsätzlich) gar nicht meine Absicht und meine Art. Dafür wurden allerdings die ganze Aktion und der Text hinterfragt. Ich denke, dass sollte erlaubt sein.
Fazit:
Die Diskussion setzt nun mal eine gewisse Kritikfähigkeit voraus. Anstatt das Kritik als eine positive Chance gesehen wird, Dinge besser zu machen, daraus zu lernen und einigen Menschen mal die Augen zu öffnen (Dankbarkeit?), wird mal wieder nur gelobhudelt ohne vorher mal zu reflektieren. Die Menschen glauben das, was sie glauben wollen – wie überall. Dann zeigen Sie mir doch bitte mal die ganzen journalistischen Angebote auf dem Markt, die alle so toll funktionieren – ich warte.
Offenbar ist eine sachliche Auseinandersetzung mit einem Text wie diesem nicht möglich. Dann machen Sie bitte alle so weiter und verlinken Sie Halbwahrheiten und Märchen, anstatt sie zu überprüfen, geben Behauptungen für Tatsachen aus, anstatt sie zu hinterfragen, ziehen gutes Deutsch, schlechtem vor, lehnen Richtigstellungen grundsätzlich ab und träumen weiter bis zum St. Nimmerleinstag. Armes Deutschland!
Und an diejenigen, die geschrieben haben: „Macht doch mal selber was Leute!“
Indem ich mich an dieser Diskussion beteilige tue ich sehr wohl etwas. Nur weil ich mich nicht mit Testimonials und Selbsternannten-Pseudo-Experten zusammensetze, um mal ein richtig tolles Manifest zu schreiben, heisst das nicht, dass wir alle den ganzen Tag nur rumsitzen und Löcher in den Himmel starren. Im Übrigen: Ich arbeite nicht im Journalismus und es ist mir ehrlich gesagt auch egal, womit Journalisten ihre Brötchen verdienen. Mich interessieren Geschäftsmodelle – ganz unabhängig davon – und welche Auswirkungen das Internet auf Menschen und Arbeit hat. Über meine Branche zerbricht sich schließlich auch kein Journalist den Kopf und trotzdem muss es weitergehen, müssen immer wieder bestehende Vorstellungen überprüft, revidiert und neue Ansätze gefunden werden. Wenn nötig auch im Disput, in Diskussionen mit Für- und Gegenargumenten. Aber nicht mit Polemik. Dieser Text ist für mich nicht das Lob wert das er bekommt. Er ist nicht schlecht, aber er ist auch nicht gut. Zudem vermisse ich eine offene Diskussionskultur, die auch konstruktive Kritik zulässt. Es ist in meinen Augen mal wieder ein substanzloser Hype, mehr nicht. Get some arguments plz.
Nachtrag 2:
1. Mir ist schleierhaft, warum dieser Text „Manifest“ genannt wird, wenn es nichts anderes als ein Thesenpapier ist. Natürlich: Manifest „verkauft“ sich besser bei den Massen als Thesenpapier. Es hat mehr Pathos, mehr Feuer. Danke. Nächste Frage.
2. Mir ist schleierhaft, warum dieser Text „Internet-Manifest“ genannt wird, wenn es nicht um das Internet im Allgemeinen, sondern um die Relation zwischen ‘Internet’ und ‘Journalismus’ geht. Wie wäre es stattdessen mit dem Titel „Journalismus 2.0/im 21. Jahrhundert – Ausgangslage/Status quo, Herausforderungen und Perspektiven“? Der jetzige Titel ist ohne Untertitel irreführend, denn man kann alles und nichts darunter verstehen.
3. Mir ist jeglicher Sinn und Zweck dieser Aktion schleierhaft. Nirgendwo erfährt man etwas darüber, warum, also aus welcher Intention heraus dies für wen verfasst wurde und mit welchem Ziel. Das Einzige mit dem man stets totgeschlagen wird, ist das Wort >>Diskussion. Bestandsaufnahme ja. Lösungen nein.
Ein „Diskussionsbeitrag zur Situation der Medien“ soll der Text sein. Nun, die letzten Jahre wurde reichlich und genügend über die Situation und auch über Wege aus der Krise von Zeitungen und Journalismus in Zeiten des Webs diskutiert. Wieso muss insbesondere die Situationsanalyse jetzt zum x-ten Mal wiedergekaut werden? Was ist das Neue, das dieser Text in die Diskussion miteinbringt, was man noch nicht weiss? Leider gar nichts, kalter Kaffee. Oder wussten Sie etwa noch nicht, dass „das Web [...] eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar[stellt]?“?
Wieso muss eine Gruppe von Internet-affinen Menschen die Hausaufgaben für eine gesamte Branche erledigen – abgesehen davon, dass einige der Autoren direkt betroffen sind? Wie wäre es, wenn sich die Damen und Herren der Verlage mal bei ein paar Treffen gemeinsam Gedanken über ihre berufliche und die Zukunft einer ganzen Branche machen, anstatt immer nur rumzujammern und anderen die Schuld für die Misere zu geben? Dazu bedarf es keines Manifests, tausend leeren Worten und endlosen Diskussionsbeiträgen, sondern dem Willen endlich mal etwas anzupacken, etwas zu tun, etwas auszuprobieren, selbst auf die Gefahr hin zu scheitern und sich der neuen Situation zu stellen respektive anzupassen. Diese Situation ist allen Beteiligten bestens bekannt. Solange das Internet als Bedrohung wahrgenommen wird, dem es irgendwie zu entkommen gilt, anstatt anzuerkennen, dass man überhaupt keine Wahl mehr hat außer „friss oder stirb“, wird sich nichts ändern. Die Natur gibt vor, dass Arten entweder aussterben oder sich erfolgreich anpassen; gleiches gilt für den Journalismus und das Internet.
Ergo: Eine Bestandsanalyse braucht niemand mehr, denn es ist bekannt, wie es um den Journalismus steht. Es gibt zu Hauf Blogposts, Bücher und ebenfalls gesellschaftliche Diskussionen ausserhalb des Internets. Was gebraucht wird, sind konkrete Lösungen inform von Geschäftsmodellen, möglicherweise ünternehmensübergreifend und die Einsicht von Verlagen, dass man das Internet nicht einfach wie eine Lampe ausknipsen kann, sondern MIT ihm leben muss.
4. Mir ist schleierhaft, warum man in diesem Schriftstück nichts über die Autoren erfährt. Neben einem simplen Link hätte man doch die Berufsbezeichnung der einzelnen Personen anfügen und die wichtigsten Fakten zu ihnen in Fußnoten anfügen können? Dann hätten die Leser immerhin gewusst, wer ihnen da etwas verklickern will. So muss ich mich als Leser von einem Blog, von einer Webseite und von einem Social Network Profil zum nächsten klicken, denn nicht jeder kennt Herrn Peter Schink – muss man auch nicht. Das ist nervig und ärgerlich zugleich.
5. Mir ist schleierhaft, warum dieser Text nur aus Behauptungen besteht, die nirgends argumentativ gestützt werden. Haben Sie das so gelernt? Es werden Behauptungen aufgestellt, die offenbar den Lebensgewohnheiten, der Meinung und dem Habitus der Verfasser entsprechen, die diese fälschlicherweise einfach auf die Allgemeinheit projizieren. Und das ohne jegliche Angabe von Quellen.
Beispiel: „Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen.“ Das ist leider keine wissenschaftlich fundierte Aussage, insofern bleibt der Leser hier im Unklaren, ob er dieser Aussage trauen kann. Gleiches gilt für den Rest des Textes.
Es wird ein positives Bild vom Internet gemalt bei dem nur Eitelkeit und Sonnenschein, nicht aber auch die Schattenseiten beleuchtet werden. Zu einer echten Auseinandersetzungen zählen aber beide Seiten. Das Internet verbessert den Journalismus nicht in erster Linie, wie hier versucht wird zu suggerieren, sondern es verändert ihn, kappt damit alte Mechanismen und erzeugt neue. In diesem Fall stellt das Netz zu allererst einmal das „Problem“ für den Journalismus dar; ansonsten würde diese Diskussion nicht geführt werden. Alles andere ist Schönfärberei.
„Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele.“ Ich warte immer noch auf diese Beispiele, aber keiner will sie mir nennen. Seltsam oder? „Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.“ Wenn man sie erst entdecken muss, wieso wird dann indirekt zunächst geschrieben, es gäbe sie schon? Widersprüchlich. „Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen.“ Sind Sie das wirklich? Wer anspruchsvolles lesen will geht nicht ins Internet, sondern kauft sich ein gutes Buch oder liest eine Zeitung mit Tiefgang. Wirklich etwas ändern wird sich hier meiner Meinung nach erst, wenn Reader wie von ASUS (http://mashable.com/2009/09/07/dual-screen-e-reader/) die Masse erreicht haben.
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Diese Blogposts wurden inspiriert von:
http://www.internet-manifest.de/ (offizielle deutsche Seite des Internet-Manifests)
http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=2204 (Blogpost von Thomas Knüwer (Mitverfasser des Manifests) zur Onlinestellung desgleichen.
http://klardeutsch.blogger.de/stories/1481742/ (hier finden sich Argumente, die ich u.a. aufgegriffen habe)
Gute Auseinandersetzungen mit dem Manifest finden sich hier:
http://blog.maexotic.de/archives/172-Pappnasen-Manifest.html
http://klardeutsch.blogger.de/stories/1481742/
PS: Das Wiki, was extra für das Manifest eingerichtet werden sollte/wurde(?) funktioniert übrigens nicht (mehr?).
„FEHLER – Der Text für „Internet Manifest“ (Unterschied zwischen Versionen: , 394) wurde nicht in der Datenbank gefunden.“
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